Epigenetik - was ist das und was bedeutet das für unsere Hovawarte?

Text: Inge Hansen Fotos: Marie-Christine Grashof

Epigenetik - was ist das und was bedeutet das für unsere Hovawarte?

Epigenetik ist in aller Munde. Überall wird das Wort verwandt ohne zu erklären, wofür Epigenetik steht und was sie für uns Züchter in der täglichen Arbeit mit unseren Hunden besagt und wie wir Epigenetik züchterisch verwenden können. 
Jeder Hund hat seine ganz individuelle Persönlichkeit die, anders als wir bisher einseitig dachten, nicht nur das Ergebnis eines einzelnen Gens oder weniger vererbbarer Gene ist. Für die Persönlichkeit unseres geliebten Hovawarts, für seine Langlebigkeit oder für seine Krankheitsanfälligkeit sind nicht nur seine Gene nach den klassischen Regeln der Vererbung (Mendelsche Gesetze) wichtig, sondern auch Informationen über die Umwelt, die Art wie unsere Hunde leben oder sogar ihre gemachten Erfahrungen. Dabei spielen auch die Erziehung, sogar ggf. das Training oder bisher kaum beachtete frühe vorgeburtliche Einflüsse im Mutterleib oder die ersten Monate nach der Geburt eine wichtige Rolle. Neu für unser Denken und Verstehen des Wesens und anderer wichtiger Eigenschaften ist, dass wir als Züchter die Einflüsse der Umwelt und das genetische Erbe nicht voneinander trennen können: z.B. gibt die ängstliche Mutterhündin ihre ererbte oder erworbene Ängstlichkeit an ihre Welpen weiter.  


Epigenetik beschreibt die Umweltfaktoren und Erfahrungen, die die Aktivität bei Genen (Aktivierung oder Deaktivierung) beeinflussen, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern und wirken wie Schalter, die Gene an- oder ausschalten. Dies alles ist abhängig von den jeweiligen Umwelteinflüssen, also das Weitergeben und Vererben von Erfahrungen, Prägungen, äußeren Einflüssen usw. Die Epigenetik entscheidet darüber, wie eine Zelle ihre Gene nutzt, und ob sie sie an- oder abschaltet. Epigenetik zeigt, wie z.B. Geborgenheit bei der Aufzucht und Sicherheit vor allem Neuen in den ersten Wochen genauso wie wiederkehrender Stress, erlebte Traumata und sogar durchgemachte Fehlernährung usw. das Erbgut unserer Hovawarte nachhaltig beeinflussen können, ohne die ererbte DNA zu verändern. Da die DNA nicht verändert wird, werden epigenetische Einflüsse und Veränderungen nicht im Genotyp, dafür aber im Phänotyp (Erscheinungsbild) beobachtet und nachgewiesen. 


Gene codieren nach unserem bisherigen Verständnis die Proteine, die in ihren spezialisierten Varianten für alle funktionalen (z.B. Zelle der Bauchspeicheldrüse) oder strukturierten Merkmale der Zellen und des gesamten Organismus verantwortlich sind. Dies erfolgt nach den entsprechenden Aufbauanweisungen der unterschiedlichen Gene.  Dabei lässt sich die Genaktivität nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen und lenken, jedoch ist durch Umwelt usw. viel mehr möglich, als wir je angenommen haben.

A-Wurf aus dem Buntspecht-Wald, Vertrauen- Mama passt auf mich auf

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Auf dem langen DNA-Faden sind die eigentlichen Vererbungsgene (Mendelsche Vererbungslehre) nur ein geringer Anteil. Bei den vielen Zwischenräumen auf den DNA-Fäden nahm man lange Zeit an, dass diese Abschnitte keinerlei spezielle Informationen tragen und bezeichnete sie als überflüssige „Junk“-DNA. Neuere Forschungsergebnisse belegen jedoch, dass mindestens 80% des Genoms wertvolle spezifische Informationen für bestimmte Funktionen tragen. Hier wird entschieden, ob ein nachfolgendes Gen abgelesen und das entsprechende Protein aktiviert und gebildet wird und ob sein codiertes Merkmal für diesen Organismus zum Tragen kommt. Diese als Bindungsstellen bezeichneten, regulativen Abschnitte (sogar aus der Umwelt kommend) aktivieren oder blockieren das nachfolgende Gen wie ein Ein- oder Ausschalter, was eine oder keine Beeinflussung eines Proteins bedeutet.
Chronischer Stress, etwa durch schlechte Haltungsbedingungen, frühe Trennung von der Mutter oder Misshandlungen können epigenetische Veränderungen verursachen und an die nächste Generation weitergegeben werden und erhöhen so das Risiko für Angstverhalten, schlechte Lernfähigkeit und für Verhaltensprobleme. Ebenso gilt dies bei Problemen während der Zeit der Trächtigkeit, was einer genauen Aufmerksamkeit des Züchters für seine Hündin in dieser Zeit bedarf.


Epigenetische Mechanismen regulieren also, in welchem Masse Gene in einer Zelle richtig abgelesen und die gespeicherten Informationen in Proteine und Enzyme umgewandelt werden. Auch Ernährung (z.B. Folsäure, Vitamin B 12, Methionin) und Umweltgifte (z.B. Pestizide, Chemikalien) beeinflussen über epigenetische Mechanismen die Genaktivität. Hierbei sind bestimmte Lebensphasen wie z.B. die Embryonalzeit, die sensiblen Phasen (frühe Primärsozialisation und Pubertät) besonders empfänglich für epigenetische Beeinflussung sowie Veränderungen. 


Wenn unsere Mutterhündin in der Zeit der Trächtigkeit besonders starkem Stress ausgesetzt ist, bereitet sie ihre Welpen sozusagen auf ein gefährliches und Ängste auslösendes Leben vor. Das Ergebnis werden zurückhaltende, vorsichtige und sogar ängstliche Nachkommen mit einem schwachen Nervenkostüm sein. Frühe Trennung von der Mutterhündin, soziale Isolation oder Misshandlung können epigenetische Spuren im Gehirn hinterlassen, die die Stressregulation, das Sozialverhalten und sogar die Lernfähigkeit deutlich beeinflussen. 


Für uns als Züchter bedeutet Epigenetik, dass nicht nur unsere genaue und intensive genetische Auswahl (speziell unseres gewünschten Deckrüden), sondern auch die Gestaltung und Betreuung in der Trächtigkeit und vor allem auch unsere Anregungen bietenden Aufzuchtbedingungen entscheidend für das spätere Verhalten und die Gesundheit unserer Welpen sind. Eine stressfreie/-arme, bereichernde Umgebung und positive Bindungserfahrungen sind entscheidend für das Wohlbefinden und die Entwicklung der von uns gezüchteten Welpen. Eine wichtige und elementare Botschaft der Epigenetik ist deshalb, dass unsere Hovawarte wie wir Menschen nicht einfach dem Erbgut und unseren Genen ausgeliefert sind, sondern dass ihre Aktivität und wichtige Vorgänge im Körper steuerbar sind durch vielfältige Bewegung, sehr gute Ernährung, möglichst stressfreies Leben und möglichst dauerhaftes Wohlbefinden. 

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